18.
 
„Familie ist kein Bilderbuch.
Familie ist ein Gefühl.“
vanessa.
44 jahre. kämpferisch. gerecht. offen. liebevoll.
eine frau, die anfängt, auch sich selbst zu sehen.
Am Wasser wird es leise.
Da, wo der Blick weit wird
und nichts von ihr verlangt wird,
kommt sie zur Ruhe.
Eine Ruhe, die sie sich lange nicht erlaubt hat.
Denn das Erlauben hat sie spät gelernt.
Mit vierundzwanzig verlor sie ihre Mutter.
Der erste Tod in ihrem Leben - plötzlich, schnell,
ohne Zeit, sich vorzubereiten.
In einem Alter,
in dem andere sich noch ausprobieren,
herausfinden, wer sie sein wollen,
übernahm sie Verantwortung,
die größer war,
als eine junge Frau sie tragen sollte.
Sie hat sie getragen.
Ohne zu zögern.
Weil da Menschen waren,
die sie nicht allein lassen konnte.
Sie schlüpfte in eine Rolle,
die nie ihre hätte sein sollen.
Und füllte sie aus, so gut sie konnte.
Jahr für Jahr.
So selbstverständlich,
dass zwei Fragen nie gestellt wurden:
Wer ist eigentlich für sie da?
Und wer möchte sie eigentlich sein?
Sie funktionierte.
Hielt zusammen, was zusammenzuhalten war.
Und vergaß dabei fast sich selbst.
Nach außen wirkt sie stark.
„Stehaufmännchen",, sagen die, die sie kennen.
Sie sagt ihre Meinung, ohne Filter.
Gerechtigkeit und Ehrlichkeit sind ihr heilig -
sie hat zu oft erlebt, was passiert, wenn sie fehlen.
Das Leben hat sie skeptisch gemacht.
Misstrauisch.
Es hat ihr beigebracht, dass nicht jeder bleibt.
Dass ein Freund nicht immer ein Freund ist.
Und so baute sie Mauern -
hoch genug,
dass lange niemand sah, was dahinter liegt.
Dahinter ist ein weiches Wesen.
Verletzlich.
Voller Liebe.
Eine Frau,
die sich nach Nähe sehnt
und sich gleichzeitig schwer damit tut,
sie zuzulassen.
Etwas hat sich verschoben,
als sie selbst Mutter wurde.
Nicht für andere da zu sein -
sondern für ihre eigenen Kinder.
In ihren Gesichtern findet sie eine Verbindung,
die nichts von ihr fordert.
Und zum ersten Mal beginnt sie zu spüren:
Vielleicht darf auch sie gesehen werden.
Sie ist nicht am Ziel.
Sie steht mittendrin.
Noch trägt sie Wut, die sich nicht aufgelöst hat.
Noch fällt es ihr schwer, das Alte loszulassen.
Noch übt sie,
sich selbst einen sanfteren Blick zu erlauben.
Aber sie hat angefangen.
Am Wasser,
in der Stille,
in den kleinen Momenten,
in denen sie nicht kämpfen muss.
Und vielleicht ist das der Anfang von allem:
Sich selbst nicht länger zu übersehen.